Landesverbandstagungen

Nachlese

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Die Endlichkeit der verfügbaren Ressourcen

Die Notwendigkeit eines bewussten Umgangs mit Energie – aber auch mit zahlreichen anderen Ressourcen – betonte anschließend auch Andreas Huber, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft Club of Rome, in seinem Impulsvortrag „Wirtschaft übersteigt die Grenzen der Natur“. Das weltweite Bevölkerungsund Wirtschaftswachstum machen dem Planeten laut Huber mehr als nur zu schaffen. Derzeit verbrauche die Menschheit die Ressourcen von 1,5 Planeten, im Jahr 2050 würden bereits drei Planeten Erde benötigt, verdeutlichte Huber anschaulich das Grundproblem der aktuellen Lebensweise. Er verwies auf zahlreiche Ressourcen, deren stetiger Abbau zu einer zunehmenden Verknappung führen werde. Diese Ressourcen würden zwar niemals völlig ausgehen. Die Gewinnung sei aber mit immer höheren Kosten und Energieeinsätzen verbunden, mit allen damit zusammenhängenden Problemen.

Gesellschaftliche Trends - Auswirkungen für die Wasserwirtschaft

Prof. Dr.- Ing. Peter Cornel von der Technischen Universität Darmstadt nahm den Ball der globalen Ressourcenknappheit direkt auf. Für Cornel stellt sich die Frage, ob das derzeitige Abwassersystem – das vor 100 Jahren für eine Weltbevölkerung von zwei Mrd. Menschen entwickelt wurde, die zudem noch in überwiegend ländlichen Strukturen leben – auch für die heutige Zeit mit knappen Ressourcen geeignet ist. Mehrfachnutzung des Wassers, energetische Optimierung der Systeme und Nutzung der im Abwasser enthaltenden Ressourcen stellen für Cornel die Grundanforderungen an moderne Abwassersysteme dar. Abwasser sei kein Abfall, sondern eine Ressource, deren Nutzung andere Infrastruktursysteme voraussetze, so Cornel.

Dass Abwasser eine herausragende Bedeutung als Ressource für die Schaffung von guten Böden spielen kann, führte anschließend Prof. Dr.-Ing. Ralf Otterpohl von der TU Hamburg-Harburg aus. Otterpohl verwies auf das Beispiel „Terra Preta do Indio“, der menschlich geschaffenen schwarzen Erde der Indianer im Amazonasgebiet. Diese alte Technik gewinnt in vielen Regionen der Welt wieder an Bedeutung. Große Mengen an nährstoffreichem Boden könne mit einer Terra Preta Toilette und einer späteren Kompostierung der ohne Wasserzugabe gesammelten Fäkalien mit oder ohne Urin hergestellt werden, so Otterpohl. Solche Techniken, die noch weiter entwickelt werden könnten und müssten, böten auch Ansätze für den ländlichen Raum in Europa, insbesondere bei Bevölkerungsschwund.

Zukünftig sind aber nicht nur Knappheiten bei Ressourcen wie Böden oder Energie zu befürchten. Unternehmen droht dazu ein Mangel an Fachkräften. Wie sich Unternehmen darauf vorbereiten können, zeigte Matthias Kolb von der Festo AG & Co. KG in Esslingen. Festo habe auf Grundlage der Tätigkeiten ein Forecast bis 2030 erstellt, das die Altersaustritte nach Qualifikationsbereichen analysiert. Die Ergebnisse ließen im ersten Schritt den Rekrutierungsbedarf im Bezug auf die Altersaustritte erkennen. Zusammen mit dem durch Wachstum induzierten Rekrutierungsbedarf sowie der natürlichen Fluktuation ergebe sich ein stetig steigender Gesamtrekrutierungsbedarf von heute rund 300 Mitarbeitern jährlich bis zu 600 Mitarbeitern im Jahr 2030. Um diesen zu decken, habe Festo bereits heute Rekrutierungsmaßnahmen eingeleitet.

Während der Fachkräftemangel vor allem ein Problem der näheren Zukunft sein wird, müssen sich die Unternehmen der Abwasserwirtschaft aufgrund der steigenden Kosten bereits heute intensiv mit dem Thema Energie beschäftigen. Welche Möglichkeiten sich Kläranlagenbetreibern hier durch eine Flexibilisierung von Last- und Stromerzeugung bieten, zeigten Dipl.-Psych. Sebastian Götz und Dipl.-Ing. Hermann Laukamp vom Fraunhofer ISE in Freiburg auf. Sie sehen Kläranlagen im Zuge der Energiewende als Dienstleister für das System der elektrischen Energieversorgung, insbesondere im Bereich Flexibilität. Unter Nutzung ihrer BHKWs und ihrer großen elektrischen Lasten könnten sie Systemdienstleistungen der Stromversorgung bereitstellen. Die technische Anpassung sei dabei problemlos möglich. Konkrete Modelle zur effizienten Vermarktung und angemessenen Vergütung dieser Systemdienstleistungen müssten jedoch noch entwickelt werden.

Energie im Fokus der Abwasserwirtschaft

Wichtiges Element zur Energiekostenreduzierung bleibt zudem die Optimierung der Eigenstromerzeugung. Welche Möglichkeiten hier noch schlummern, legten Dr.-Ing. Klaus Siekmann und Dipl.-Ing (FH) Jürgen Jakob, beide Ingenieurgesellschaft Dr. Siekmann + Partner mbH, Thür, dar. So würden allein in Baden- Württemberg derzeit noch über 50 Kläranlagen der Größenklasse 4 mit gemeinsamer aerober Stabilisierung betrieben. Weitere 50 Anlagen betrieben zwar eine Faulung, jedoch ohne Gasverstromung. Allein hierdurch sei ein Ausbaupotenzial der Eigenstromerzeugung von rund 27 Mio. kWh/a vorhanden. Durch die Co- Vergärung von organischen Reststoffen könne dies noch gesteigert werden, wirtschaftliche Verfahren seien vorhanden.

Eine andere Möglichkeit der energetischen Optimierung des Gesamtsystems Abwasser stellt die Abwasserwärmenutzung dar. Einen Überblick über Voraussetzungen, technischem Prinzip und Potenziale bot der Vortrag „Abwasserwärmenutzung – Hinweise zu Planung, Ausschreibung und Abnahme“ von Dr.-Ing. Jan Butz, Klinger & Partner GmbH, Stuttgart. Besondere Bedeutung haben für ihn eine saubere und belastbare Definition des Bemessungsabflusses, eine intensive Abstimmung mit dem Heizungsplaner sowie ein Leistungsnachweis, der auf dem Wärmedurchgangskoeffizienten (k-Wert) basiert.

Phosphorrückgewinnung aus Abwasser

Insbesondere nach dem im Koalitionsvertrag festgeschriebenen Paradigmenwechsel der Bundesregierung bei der Klärschlammverwertung stehen Technologien zur Phosphorrückgewinnung bei der Klärschlammverbrennung verstärkt im Fokus. Dipl.-Ing. Tobias Reinhardt von der Universität Stuttgart stellte diesbezüglich die Ergebnisse des interkommunalen Pilotprojektes der Kläranlagen Stuttgart, Karlsruhe und Neu-Ulm vor. Bei dem Projekt wurden verschiedene Rückgewinnungsverfahren – nasschemische Verfahren wie PASCH und ähnliche, thermische Verfahren wie Ash Dec – verglichen und bewertet. Erste Erkenntnis: Die nasschemischen Verfahren können eine bessere Schwermetallentfrachtung leisten, auch die Pflanzenverfügbarkeit des Phosphors ist hier besser. Auf der anderen Seite liegen bei den nasschemischen Verfahren die Kosten pro kg elementarem Phosphor höher als bei den thermischen Verfahren. Außerdem fallen bei den thermischen Verfahren geringere Mengen an zu entsorgenden Stoffen an. Das Pilotprojekt hat aber auch die Potenziale der Phosphorrückgewinnung aufgezeigt. So lassen sich laut Reinhardt bei einer Rückgewinnung von annähernd 100 Prozent des Phosphors aus der Klärschlammasche über 13 Prozent des als Düngemittel eingesetzten Phosphors substituieren. Durch die Erweiterung der Monoverbrennungsanlagen könne das Substitutionspotenzial noch weiter gesteigert werden, so Reinhardt.

Hochwasser- und Überflutungsvorsorge

Mit gänzlich anderen Themen beschäftigten sich die Vortragsblöcke „Hochwasserrisiken – Auswirkung auf die Kommunen“ und „Überflutungsvorsorge“. Dipl.-Ing. Jürgen Reiche vom Landesumweltministerium Baden-Württemberg ging vor allem auf die Aufgaben der Kommunen bei der Hochwasserrisikomanagementplanung ein. Besondere Bedeutung kommt diesen beispielsweise bei der Plausibilisierung der Hochwassergefahren- und Hochwasserrisikokarten zu. In einem Maßnahmenkatalog hat das Land zudem zwölf grundlegende Maßnahmen für die Kommunen zusammengestellt. Dieses Maßnahmenspektrum reicht von der Information der Bevölkerung und der Wirtschaft über die Aufstellung und Fortschreibung von Krisenmanagementplänen über die Erstellung und Umsetzung von Konzepten für den technischen Hochwasserschutz bis zur Integration des vorbeugenden Hochwasserschutzes bei der Aufstellung und Änderung von Bebauungsplänen.

Wie Kommunen mit dem Problem Hochwasser umgehen könnten, erläuterte anschließend Klaus Gramlich, Bürgermeister der Stadt Adelsheim und stellvertretender Vorsitzender des Zweckverbandes „Hochwasserschutz Einzugsbereich Sekach/Kirnau“. Sein Fazit: Hochwasserschutz sei eine gesellschaftliche Aufgabe, der sich gefährdete Kommunen nicht entziehen könnten und die nicht automatisch einen unlösbaren Zielkonflikt mit den Anforderungen einer zeitgemäßen Ökologie darstellen müsse.

Ein wichtiges Element um sich auf die Hochwasservorsorge gezielt vorzubereiten ist für Dipl.-Forstwirt Thorsten Kowalke von der WBW Fortbildungsgesellschaft für Gewässerentwicklung mbH in Karlsruhe naturgemäß die Fortbildung aller Akteure. Das Spektrum der Möglichkeiten reicht hier von den Gewässernachbarschaften über den Erfahrungsaustausch Betrieb von Hochwasserrückhaltebecken bis zur Gewässerpädagogik und den Hochwasserpartnerschaften sowie dem Erfahrungsaustausch der Wasserbehörden in Baden-Württemberg.

Mit einem immer stärker in den Fokus rückenden Thema beschäftigte sich anschließend Dr.-Ing. Marc Illgen, Dahlem Beratende Ingenieure GmbH & Co Wasserwirtschaft KG Darmstadt. Illgen stellte den von DWA und BWK gemeinsam entwickelten praxisorientierten Leitfaden „Starkregen und urbane Sturzfluten“ vor. Bei dem Leitfaden handelt es sich für Illgen um eine umfassende und anschauliche Orientierungshilfe für den Einstieg in eine wirkungsvolle Überflutungsvorsorge. Neben geeigneten Vorgehensweisen zur Ermittlung der örtlichen Überflutungsrisiken würden die konkreten Möglichkeiten an planerischen, technischen und administrativen Vorsorgemaßnahmen aufgezeigt und erläutert, so Illgen. Zudem solle der Praxisleitfaden einen Impuls für die notwendige interkommunale Diskussion geben als auch Argumentationshilfen für diese Diskussionen bieten.

Um einen Überflutungsschutz in den Städten zu gewährleisten, beziehungsweise um Überflutungsschäden zu minimieren, sind möglichst genaue Berechnungen der Oberflächenabflüsse notwendig, die sowohl das Kanalsystem als auch die Fließgewässer berücksichtigen. Was Simulationsverfahren hier leisten können, zeigte Dipl.-Inf. Gerald Angermaier, tandler.com GmbH, Buch am Erlbach, anhand des Projektes „GeoCPM – Geowissenschaftliche Simulation städtischer Abflussvorgänge“ auf. Angermaier betonte, dass für eine gezielte Nachverfolgung und Analyse der tatsächlichen Fließwege eine statische Darstellung nicht ausreicht. Die Wasserstände auf den Oberflächenelementen müssten zu jedem Zeitpunkt der Berechnung darstellbar sein, so Angermaier.

Regenwasserbehandlung in Baden-Württemberg

Regenwasser bedeutet für den Wasserwirtschaftler naturgemäß nicht nur die Gefahr von Überflutungen, sondern auch die Vermeidung von Gewässerbelastungen durch mit Regenwasser mitgeführte Schadstoffe. So zählen aufgrund des guten Ausbaus der Kläranlagen Kanalisationssysteme und der Oberflächenabfluss bei Schadstoffen wie DEHP oder Zink bereits zu den wichtigsten Emissionsquellen in die Gewässer. Die Verhinderung dieser Einträge über Regenwasserbehandlungsanlagen ist dabei laut Dr.-Ing. Stephan Fuchs vom KIT, Karlsruhe, schwierig. Die Möglichkeiten könnten auf Maßnahmen der Abflussreduzierungen und einen verbesserten Feststoffrückhalt reduziert werden. Für gelöste Stoffe böte die Regenwasserbehandlung dagegen bisher keine praxistauglichen Optionen, so Fuchs. Durch die Kombination verschiedener zentraler und dezentraler Maßnahmen erscheine im Bereich der kanalisationsbedingten Einträge eine Reduktion um bis zu 30 Prozent aber möglich.

Ein sachgerechtes Zusammenwirken von Mischwasserkanalisation und Kläranlage ist für Dr. Peter Baumann von der Weber Ingenieure GmbH, Pforzheim, dabei unabdingbar. In der Praxis seien jedoch isolierte Betrachtungen immer noch nicht selten anzutreffen. Aus Sicht des Grundwasserschutzes fordert Baumann möglichst viel Abwasser/Mischwasser über die Kläranlage zu führen und das Neubauvolumen von Regenbecken zu minimieren. Nach seiner Einschätzung werden zukünftig integrale Lösungen mit einer dynamischen Zuflussbewirtschaftung zunehmen. Dies bedinge jedoch eine Abkehr von über Jahrzehnten starren Qm,max-Werten im Kläranlagenzulauf, führte Baumann aus.

Technologieforum Innovation in der Wasserwirtschaft

Einen umfassenden Überblick über neue Lösungsansätze für die verschiedensten Aufgaben der Wasserwirtschaft bot das „Technologieforum Baden-Württemberg – Innovationen in der Wasserwirtschaft“. Einen breiten Raum nahm dabei das gerade in Baden-Württemberg auch politisch hoch aufgehängte Thema Spurenstoffe ein. Dr.-Ing. Klaus Jedele von der Dr.-Ing. Klaus Jedele und Partner GmbH, Stuttgart, stellte abwasser- und verfahrenstechnische Ansätze zur Spurenstoffelimination im Einzugsgebiet Bodensee vor. So können beispielsweise bei der Regenwasserbehandlung Retentionsbodenfilter bis zu 80 Prozent bestimmter Pharmaka eliminieren. Bei der Abwasserbehandlung zeigen sowohl die Kombination von Ozon und Langsamsandfilter als auch der Einsatz von Ozon und granulierter Aktivkohle gute Ergebnisse.

Dr.-Ing. Reinhold Rölle, Dr. Götzelmann & Partner, Stuttgart, ging anschließend auf die Effizienz und die Kosten bei der Spurenstoffentnahme durch Aktivkohle ein. In der Bodenseeregion wurden bisher zwei Anlagenstufen zur Spurenstoffreduktion errichtet und sind seit mehr als einem Jahr im technischen Dauerbetrieb. Ein wesentlicher Abbau der verschiedensten Spurenstoffe kann dabei nachgewiesen werden. Die Verringerung ausgewählter Arzneimittelrückstände beträgt im Mittel 82 Prozent, bei Pflanzenbehandlungs- und Schädlingsbekämpfungsmitteln liegt die Entnahmerate laut Rölle bei rund 60 Prozent. Die Kosten dieser Anlagen belaufen sich dabei auf 0,10 bis 0,13 €/m³. Die Kosten der Anlagen am Bodensee liegen damit höher als die der Anlage Sindelfingen (0,05 €/m³). Dies ist laut Rölle auf die geringeren Ausbaugrößen der Anlagen am Bodensee zurückzuführen.

Auch Dr.-Ing. Alessandro Meda, Von Roll Umwelttechnik GmbH, Bietigheim- Bissingen, stellte verschiedene großtechnische Projekte der Kornkohlefiltration vor. Die großtechnischen Versuche hätten dabei die Praxistauglichkeit der Kornkohlefiltration nachgewiesen. Aktivkohleverluste über die Ablaufrinne währen der Spülung oder ein Durchtritt durch den Filterboden seien nicht festgestellt worden. Ein geringfügiger, von der Luft-Wasserspülung hervorgerufener Aktivkohleabrieb hätte nachgewiesen werden können, hätte aber zu keiner messbaren Abnahme der Filterbetthöhe im untersuchten Zeitraum von elf Monaten geführt.

Nicht nur im Bereich der Spurenstoffelimination besteht eine rege Forschungstätigkeit. Dass es auch Alternativen zum konventionellen Belebungsverfahren gibt, schilderte Prof. Dr. Harald Horn vom KIT in Karlsruhe. Horn stellte in Friedrichshafen die aerobe Granulierung zur Behandlung kommunaler Abwässer vor. Eine Pilotanlage und Laborversuche hätten für diese Technik gute Nitrifikationsleistungen nachgewiesen. Kritisch sind laut Horn aber noch die hohen Sauerstoffkonzentrationen von sechs bis acht mg/l Sauerstoff. Wenn es gelinge, Reaktoren mit aeroben Granula auch bei Sauerstoffkonzentrationen zwischen drei und vier mg/l Sauerstoff stabil zu betreiben, sei diese Technologie eine kostengünstige Alternative zu kontinuierlich betriebenen Anlagen mit dem Belebungsverfahren.

Auch im Technologieforum ging es neben den Möglichkeiten zur Verbesserung der Abwasserbehandlung um die Reduzierung des Energieverbrauchs. Eine wichtige Hilfe hierfür hat die DWA mit dem Leitfaden „Senkung des Stromverbrauchs“ entwickelt. Ein besonderes Beispiel von dessen internationaler Verbreitung präsentierte Dr.-Ing. Jörg Krampe, Technische Universität Wien, mit Südaustralien. Dort sind große Energieverbraucher, und somit auch Kläranlagen, verpflichtet, in regelmäßigen Abständen ein Energy Efficiency Opportunity Programm zu durchlaufen. Der DWA-Leitfaden hat sich dabei laut Krampe in Südaustralien bewährt. Ein großer Vorteil des DWA-Leitfadens sei die Abdeckung einer Vielzahl von Technologien und der pragmatische Ansatz, der es erlaube, mit geringem Aufwand erste Orientierungswerte zu erhalten. Trotzdem sei das Dokument detailliert genug, um Maßnahmen zur Senkung des Verbrauchs erarbeiten zu können, so Krampe.

Einen Schritt weiter als die Senkung des Energieverbrauchs gehen mittlerweile erste Kläranlagen mit dem Ziel der Stromautonomie. So auch das Hauptklärwerk Mühlhausen in Stuttgart. Dipl.- Ing. Lothar Krätzig-Ahlert von der Grontmij GmbH in Köln legte dar, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Im Mittelpunkt steht eine maximale Faulgasproduktion, auch durch die Fremdannahme von Klärschlamm oder anderen Brennstoffen. Dazu kommen naturgemäß die energetische Optimierung der Anlage sowie der Aufbau eines Energiemanagementsystems. Nach Schätzung von Krätzig-Ahlert kann die Kläranlage Mühlhausen das Ziel der Stromautonomie in den nächsten zehn bis 15 Jahren erreichen.

Expertenforum geanetz – ganzheitliche Betrachtung öffentlicher und privater Entwässerungssysteme

Eingebettet in die Landesverbandstagung war das 4. Südwestdeutsche Expertenforum geanetz mit dem Titel „Ganzheitliche Betrachtung öffentlicher und privater Entwässerungssysteme – Anwendung in der Praxis“. Als sehr gute Diskussionsgrundlage stellte Dipl.-Ing. Hans Neifer, Ministerialrat im Stuttgarter Umweltministerium, den Stand der Novellierung des Wassergesetzes Baden- Württemberg vor und ging detailliert auf die vorgesehenen Regelungen im Bereich der Grundstücksentwässerungsanlagen ein. Besonders interessant ist diesbezüglich § 51 „Private Abwasseranlagen“, der die notwendige Grundlage für den schrittweisen Einstieg in die Selbstüberprüfung von privaten und sonstigen, bislang nicht der Eigenkontrollverordnung (EKVO) unterfallenden Hausanschlüssen, beinhaltet. Die vorgesehene Regelung diene in erster Linie dem Grundwasserschutz und zudem der Verhinderung von Fremdwasserzuflüssen auf Kläranlagen, betonte Neifer.

Die gesetzlichen Vorgaben zur Inspektion und gegebenenfalls Sanierung von Grundstücksentwässerung sind die eine Seite der Medaille, die Überzeugung und Mitnahme der Betroffenen die andere Seite. Eine gute und vor allem für den Laien verständliche Öffentlichkeitsarbeit ist dabei unabdingbar, betonte Dipl.-Ing. (FH) Markus Vogel, Vogel Ingenieure Kappelrodeck. Von besonderer Bedeutung ist für Vogel vor allem die „interne“ Öffentlichkeitsarbeit. Die Ratsmitglieder müssten zuerst überzeugt werden, damit sie die notwendigen Beschlüsse fassen und im besten Falle als Multiplikatoren wirken könnten, so Vogel.

Dipl.-Ing. Manfred Müller, Technische Betriebe Solingen, betonte anschließend die Dringlichkeit des Handlungsbedarfes. Für ihn stellen nicht nur die Infiltration von Fremdwasser in die Kanäle sowie die mögliche Verschmutzung des Grundwassers wesentliche Argumente für die Sanierung dar, sondern vor allem auch die Gefahr der Unterhöhlung von Straßenkörpern. Bald werde die Diskussion nicht mehr um die Sanierungskosten von privaten Abwasserleitungen gehen, sondern um die notwendigen Investitionen zur Instandhaltung der öffentlichen Infrastruktur aufgrund der desolaten baulichen Situation der privaten Abwasseranlagen, so Müller. Als möglichen Lösungsansatz stellte er das Vorgehen seines Unternehmens, das „Solinger Modell“ vor. Bei dem Modell stehe der Bürger im Vordergrund, indem er nicht nur beraten werde, sondern durch verschiedene Modellschritte selber entscheiden könne, ob und wenn ja wie weit er von Fachleuten begleitet werden möchte. Zur Seite steht dem Bürger in Solingen dabei ein Netzwerk von Ingenieurbüros, Handwerksbetrieben, Kreishandwerkerschaft sowie dem Verband zertifizierter Sanierungsberater und der Kommunal-Agentur NRW.

Ähnlich funktioniert das Modell in der schwäbischen Gemeinde Mötzingen, auch hier steht der Bürger im Mittelpunkt. Zur Erhöhung der Akzeptanz von Sanierungsmaßnahmen empfiehlt Dipl.-Ing. Günter Eisele, ISW Neustetten, unter anderem moderate Anforderungen wie den Verzicht auf Druckprüfungen sowie angemessene Sanierungsfristen. Grundsätzlich müsse der Kanalnetzbetreiber kundenorientiert sein, Spielräume und Synergien im Interesse der Bürger nutzen und ein Kundenschutzsystem aufbauen, so Eisele.

Unabhängig von der Strukturierung der Sanierung und der Mitnahme der Betroffenen bleiben die Kosten ein wichtiges Kriterium. Dr.-Ing. Joachim Beyert, RWTH Aachen, stellte diesbezüglich in Friedrichshafen ein neues ökonomisch günstiges Verfahren zur Sanierung von Hausanschlussleitungen vor. Dabei wird ein flexibler Rohrstrang mittels einer „Erdrakete“ in das bestehende Altrohr vom Revisionsschacht aus eingezogen. Eingesetzt werden kann dieses Verfahren bei bis zu 15° abgewinkelten Leitungen. Die Gesamtkosten für das Verfahren bezifferte Beyert auf 2.000 bis 3.000 €, je nach Länge des Hausanschlusses.

Ein besonderes Problem bei Grundstücksentwässerungsanlagen stellt Drainagewasser dar. Dipl.-Geogr. Gerhard Renz, ISAS GmbH Albstadt, erörterte in seinem Vortrag die besonderen Probleme von Drainagewasser im Kanalnetz. Generell müsse vor der Genehmigung einer Drainage überlegt werden, ob der Bau einer Drainage überhaupt Sinn mache. Bei Baudrainagen, die in der Regel nur temporär im Rahmen der Errichtung des Bauwerks gebaut würden, müsse zudem geprüft werden, ob diese nach Abschluss der Bauarbeiten auch wirklich wieder vom Netz abgehängt worden seien.